Der härtest mögliche Brexit

World of trading

16.09.2020 –Special Report. Nun wird es wieder spannend bei Sterling: Wegen eines britischen Gesetzes stehen die Verhandlungen mit der EU vor dem Aus. Damit drohen ein ultra-harter Brexit und sogar ein Handelskrieg mit Europa. Was das Pfund nach unten ziehen dürfte. Wir beleuchten die wichtigsten Faktoren für Trader.

Wir hatten an dieser Stelle schon vor einiger Zeit auf ein Szenario hingewiesen, das nun offenbar Realität wird: Da Premier Boris Johnson nach der überzeugend gewonnenen Wahl vor Kraft kaum laufen kann, lässt er die Forderungen der EU grausam an sich zerschellen.

Internal Market Bill als Scheidungspapier

In diesen Tagen wird London Brüssel wohl endgültig den Fehdehandschuh vor die Füße werfen: Das House of Commons dürfte den Internal Market Bill oder auch Intermarket Bill verabschieden. Und damit klarmachen, dass London in Zukunft niemals der Knecht der Europäischen Union sein wird. Bei dem Gesetz geht es darum, dass London den Handel der vier Teilgebiete England, Schottland, Wales und Nord-Irland barrierefrei regeln wird. Und die meisten der Rechte und Zuständigkeiten, die am 1. Januar 2021 endgültig aus Brüssel zurückkommen, nach Westminster holt – und eben nicht in das Scottish oder das Welsh Parliament. Weswegen die Nationalisten dort toben. De facto würde der Bill auch den bei den Torys verhassten „Irish Backstop“ aushebeln.

Der härtest mögliche Brexit droht

Die EU beklagte schon die Verletzung des Withdrawal Agreements und des internationalen Rechts – und hat für Ende September ein Ultimatum gesetzt, um den Bill fallen zu lassen. Was Trader beeinflussen und das Pfund erneut heftig belasten könnte. Selbst der stets kompetente Michael Every von der Rabobank sieht neuen Kursdruck und möglicherweise sogar einen Handelskrieg mit der EU. Konkret: „This raises the risk of not just a Hard Brexit, but the hardest of all possible Brexits, one where the well is poisoned and the earth salted.“ Und weiter: Damit könne Großbritannien vielleicht ohne Handelsabkommen mit den Großen 3 dastehen. China sei wegen Hongkong sowieso schon erzürnt. Und House Speaker Nancy Pelosi von den Demokraten unkte, London könne sich im Fall des verabschiedeten Bills ein Freihandelsabkommen mit den USA abschminken.

Wichtiger Handelspartner EU

Klar ist: Knapp vier Monate vor Ablauf der Übergangsfrist zeichnet sich keine Einigung auf ein umfassendes Freihandelsabkommen mit der EU ab. Davor warnte jüngst Thu Lan Nguyen, Devisen-Expertin bei der Commerzbank. Und damit drohe zum Jahreswechsel ein harter wirtschaftlicher Bruch. Strafzölle ab dem 01. Januar wären ein herber Schlag für Großbritannien, urteilte Nguyen weiter. Denn 43 Prozent der britischen Waren und Dienstleistungsexporte gehen in die EU, 51 Prozent der Importe stammen aus der Europäischen Union.

Risiko Negativzins

Ein harter Brexit wäre ein weiterer Schlag für die von Corona getroffene britische Wirtschaft – im zweiten Quartal hatte Großbritannien ein Minus in der Wirtschaftsleistung von 20,4 Prozent zu verbuchen. Es bestehe das Risiko, dass es „mehrere Jahre“ dauern werde, bis die Wirtschaft wieder volle Auslastung erreiche, warnte Gertjan Vlieghe von der Bank of England. Deshalb liegt der Leitzins auch bei historisch niedrigen 0,1 Prozent. Laut Adam Cole, Chef-Devisenanalyst bei RBC, hielten Corona und ein harter Brexit die Furcht vor einem Negativzins am Leben.

Nur noch eine Schwellenwährung

Auch die Bank of America stimmte jüngst in den Chor der Skeptiker ein. Demnach könne das Pfund zu einer Schwellenlandwährung verkommen – klein und stark schwankend. Die Experten der BofA vermuten, dass sich die Liquidität des GBP-Markts bis zum Jahresende – dem Ende der Brexit-Übergangsphase – weiter verschlechtern wird. Das Pfund gleiche deshalb weniger einer G10-Währung. Zumal auch die Schuldensituation des Landes auf Schwellenland-Niveau zulaufe – mit enorm hohen Defiziten im Außenhandel, welche tendenziell für eine Abwertung sprächen.

Totgesagte leben länger

Keine guten Aussichten also für das Pfund. Doch nun ist es Zeit für eine Gegenposition. Denn wenn der Markt voller Bären ist – wer verkauft dann noch GBP? Blicken wir also zur Abwechslung auf die Long-Faktoren für Cable.
Ein schwaches Pfund hat durchaus mittelfristig positive Folgen für die britische Wirtschaft. Etwa einen vorgezogenen Kaufrausch in der britischen Industrie. Eine schwache Devise könnte somit etwaige Zölle kontern und zudem den Tourismus ankurbeln. Außerdem ist Großbritannien keineswegs ein unattraktiver Handelspartner. So hat Johnson gerade einen wichtigen Erfolg in Sachen Freihandel erzielt: Er verkündete ein historisches Abkommen mit Japan, was die EU noch nicht hinbekommen hat. Zudem dürften die engen Bindungen zwischen den USA und dem einstigen Mutterland schwerer wiegen als die Irrungen einer sowieso in Kürze abgemeldeten House Speaker. Wir vermuten ein enorm umfangreiches Freihandelsabkommen – was der Wendepunkt für das Pfund werden könnte.
Kurz: Wir halten Meldungen über das Ableben des Empire für verfrüht. Die Bernstein-Bank behält die Angelegenheit für Sie im Auge!


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