Virus-Angst schiebt Gold zum Rekord

03.06.2020 –Special Report. Nach der Krise ist vor der Krise in Italien. Die Corona-Pandemie ist vielleicht der finale Anlass, der Italien aus der Europäischen Union und aus der Eurozone drängen könnte. Denn Italien schwächelt, ob das gigantische Hilfspaket der EU angenommen wird, ist unsicher – möglicherweise stehen wir vor einem Italexit. Das könnte Folgen haben für den Euro und die Börsen auf dem Kontinent. Wir beleuchten die aktuellen Hintergründe.

Referendum für den Italexit gefordert

Wie das Blog InfoBrics gerade meldete, hat die politische Bewegung Italia Libera am 27. Mai dem Obersten Kassationsgericht einen Verfassungsentwurf vorgelegt, in dem ein Referendum für Italien zum Austritt aus der Europäischen Union gefordert wird. Gian Luca Proietti Toppi, ein Rechtsanwalt, der an der Gesetzesvorlage beteiligt war, sagte, es sei notwendig, die Italiener zu erreichen und „ihre Augen für die schädlichen Auswirkungen einer Teilnahme an einer Union ohne Seele zu öffnen“, die nur auf finanzieller Basis arbeitet. Mit der Einreichung der erforderlichen 50.000 Unterschriften wollte er eine breite Debatte über die Möglichkeit eröffnen, „den Käfig der EU und des Euro zu verlassen.“

Raus aus dem Euro

Ein Exit aus dem Euro wäre nach dem Italexit aus der EU also die logische Folge. Toppi betonte, Italien brauche keine neuen Schulden, die das Land nur internationalen Spekulanten ausliefern würden. Laut Statista betrug die Staatsverschuldung in Italien im Jahr 2018 sagenhafte 2.300 Milliarden Euro, im Jahr 2024 dürften es 2.251 Milliarden sein. Wer soll das zurückzahlen? Die italienische Notenbank erwartet einen Rückgang des italienischen Bruttoinlandsproduktes in 2020 um 13 Prozent. Und dann noch eine interessante Nebenbemerkung für den Finanzmarkt: Italia Libera hat schon Experten damit beauftragt, einen Plan auszuarbeiten, der die Ersparnisse der Italiener sichert. Das soll wohl heißen: Abschied vom Euro durch Umtausch in eine neue Devise. Oder in Gold.

Wegen Corona ist alles anders

Wenn es auch immer wieder solche Überlegungen gibt, die im Sande verlaufen: Das Vorhaben könnte diesmal Aussicht auf Erfolg haben. Die Italiener erinnern sich verbittert daran, dass Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank, am 13. März sagte, das Corona-Virus sei ein italienisches Problem. Von da an holten viele Italiener EU-Flaggen ein und hissten stattdessen russische und chinesische Fahnen.
Was haben offene Grenzen Italien gebracht? Die wichtigste Errungenschaft der EU hat inzwischen einige Nachteile gezeigt. Europa hat sich nicht darum geschert, dass Italien von Migranten aus Afrika geflutet wird – eine Sicherung der Seegrenzen findet nicht statt. „Il Giornale“ hatte schon vorigen März berichtet, dass die hierzulande in bestimmten Millieus als Heilige verehrte Carola Rackete Mörder und Folterknechte nach Italien gebracht hat. Genau solche naiven Gutmenschen prägen das Bild der Deutschen in Italien.
Europa hat zudem zugelassen, dass zehntausende chinesische Billigarbeiter in Norditalien die heimische Modeindustrie an die Wand gedrückt haben – genau hier tobte die Corona-Epidemie am stärksten.

EU-Gelder als Tropfen auf dem heißen Stein

Interessanterweise wurde der Antrag auf das Referendum genau dann eingereicht, als die EU-Kommission ihr gigantisches Hilfsprogramm verkündete. Die EU will europäische Anleihen von insgesamt 750 Milliarden Euro an den Kapitalmärkten platzieren. Ab 2027 sollen die Schulden getilgt werden – und zwar von allen EU-Staaten gemeinsam. Davon sollten 500 Milliarden Euro als nicht rückzahlbare Zuschüsse und weitere 250 Milliarden Euro als Darlehen an die von der Coronakrise am meisten betroffenen Staaten und Unternehmen ausgezahlt werden. Eine massiven Umverteilung von Nord nach Süd: Italien steht mit nicht rückzahlbaren Transfers von 81,8 Milliarden Euro an der Spitze, gefolgt von Spanien mit 77,3 Milliarden Euro und Frankreich mit 38,8 Milliarden Euro. Doch was hilft das angesichts des oben geschilderten Schuldenberges?
Zudem gibt es ein weiteres großes Aber: Investitionen wird die EU nur dann fördern, wenn sie den Klimaschutz stärken, die Digitalisierung vorantreiben und Widerstandsfähigkeit der europäischen Wirtschaft erhöhen. Was soll ein italienisches Restaurant oder ein familiengeführtes Hotel, das vor dem Aus steht, mit diesen ökologisch-korrekten bürokratischen Hürden anfangen?

Euro-Bonds auf dem Prüfstand

Die jetzt geplanten europäischen Anleihen sind de facto Euro-Bonds. Ob sie so durchkommen, muss sich zeigen – die EU-Regierungschefs müssen den Plan beschließen. Das soll beim EU-Gipfel am 18. Juni geschehen. Vor allem Österreich und die Niederlande sperren sich dagegen, dass die EU Schulden aufnimmt, um damit Transfers für bedürftige Mitgliedstaaten zu finanzieren. Beide Länder verlangen, dass Empfängerländer nur Kredite, aber keine Zuschüsse erhalten. Womit wir wieder bei der oben erwähnten Ablehnung neuer Schulden in Italien wären. Was den einen zu viel ist, ist den anderen also zu wenig.

Italexit als Herausforderung für die Börse

Unser Fazit: Italien hat möglicherweise keine andere Wahl, als die Eurozone zu verlassen. Der Tourismus als wichtige Einnahmequelle im Staatshaushalt ist von Corona schwer getroffen, das Land ist überaltert, neue Wellen an Flüchtlingen aus Afrika dürften bald an Land gehen. Neue Schulden kommen für viele Italiener nicht infrage. Wenn kein Schuldenschnitt kommt, wird das Land von seinen Euro-Lasten erdrückt. Da erscheinen ein Austritt aus dem Euro und ein Default aller in Euro denominierten Staatsanleihen verführerisch.
Ein Default dürfte den Euro zum Beben bringen. Die Frage ist, was mit den rund 490 Milliarden Euro geschieht, die Italien über die Target-2-Salden als Kredit bei der EZB aufgenommen hat. Zudem ist ein Übergreifen der Krise auf Frankreich möglich: Die Banken dort hielten laut Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Ende 2019 Forderungen gegenüber italienischen Schuldnern von 286 Milliarden Euro.
Bei einem solchen Szenario dürfte zunächst der Aktienindex FTSE MIB in die Knie gehen. Vor allem Banken und Versicherungen – denn wie die die „Neue Züricher Zeitung“ vorgerechnet hat, ist die Verschuldung Italiens zunächst vor allem ein italienisches Problem. Laut Banca d’Italia hielten inländische Investoren rund zwei Drittel der Schulden in der Höhe von 2.444 Milliarden Euro.
Doch Firmen, die mit einer billigen neuen Währung exportieren, dürften danach als Krisengewinner zulegen. Italien-Bonds, die in Euro denominiert sind, dürften auf Null abstürzen.
Unnötig zu erwähnen, dass ein erfolgreicher Italexit zu Turbulenzen an den großen europäischen Börsen führen würde, allen voran im DAX. Anleger sollten das Thema also im Auge. Die Bernstein-Bank wünscht erfolgreiche Trades und Investments!


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