Drohende Kapitulation der türkischen Lira

Drohende Kapitulation der türkischen Lira

29.04.2019 – Special Report. Die türkische Notenbank hat offenbar die Stütze der türkischen Lira aufgegeben. Jetzt wird es spannend für Freunde der Chartanalyse: Bei USDTYR und EURTYR deutet sich eine Untertassen-Formation an. Doch Totgesagte leben länger, falls etwa internationale Verbündete Ankara frische Devisen leihen. Grund genug für ein Update zu unserem Special Report von Anfang April.

Die Lira schwächelt wieder

Told you so: In unserem Special Report zu den türkischen Kommunalwahlen Ende März hatten wir darauf hingewiesen, dass möglicherweise die Türkei die Stütze der heimischen Lira bald einstellen muss. Seitdem hat die Devise fast zehn Prozent gegenüber Euro und Dollar verloren. Beim Dollar steht die Lira wieder kurz vor der magischen Marke von 6 Lira. Das könnte erst der Anfang gewesen sein.

Ist das die Kapitulation?

Die türkische Notenbank (Türkiye Cumhuriyet Merkez Bankasi – TCMB) hat in ihrer Pressemitteilung vom 25. April zur Leitzins-Entscheidung laut dem Finanzblog ZeroHedge auf eine zuvor stets verwendete Bekräftigung verzichtet, wonach sie notfalls „additional tightening“ einsetzen werde, also die Zinsen noch weiter anziehen könne. Der Leitzins blieb übrigens unverändert bei sagenhaften 24 Prozent. Allerdings hatten viele Analysten eben eine Warnung über eine mögliche weitere Anhebung erwartet, um die Währung zu stützen.
Wie es scheint, sieht die Türkei im Kampf gegen die Inflation kein Land. Die Teuerung liegt mit rund 20 Prozent beim Vierfachen des währungspolitischen Ziels. Hier habe das Monetary Policy Committee seine Sprache bei der „forward guidance“ geglättet und wenig Entschlossenheit gezeigt.
Investmentbanker interpretierten die jüngste Entwicklung laut ZeroHedge als die Kapitulation der Falken bei dem Versuch, den türkischen Wechselkurs zu stützen. Das Blog zitierte etwa den Leiter der globalen Devisen-Strategie der US-Privatbank Brown Brothers Harriman, Win Thin: Demnach sei die Entwicklung in der Türkei weit schlimmer als erwartet – keine Zentralbank der Welt könne in Zeiten wie diesen zu den Tauben überwechseln.

Keine Munition mehr

Wie es scheint, hat Ankara sein Pulver verschossen. Die Stütze der Lira soll die Türkei laut der Nachrichtenagentur Bloomberg alleine Ende März zwischen 10 und 15 Milliarden Dollar gekostet haben. Und laut „Financial Times“ sollen die Devisenreserven der TCMB alleine in der vorigen Woche um weitere 1,8 Milliarden Dollar gesunken sein. All dies sieht nach einem Waterloo für Long-Investoren in der Lira aus.
Wir sind gespannt, ob vielleicht Verbündete wie Russland eingreifen, um die Lira zu stützen. Moskau und Ankara hatten am 9. April die Gründung eines gemeinsamen Investment-Fonds bekanntgegeben, der mit umgerechnet 900 Millionen Euro gefüllt werden soll. Auch die Schatullen der Scheichs in Katar sind prall gefüllt.

Parallelen zu Russland

Jetzt wird die türkische Regierung wohl bald wieder mit dem Geraune über dunkle Mächte beginnen, die gegen die heimische Währung spekulieren. Doch das ist Unsinn. Eine Währung ist immer dann stark, wenn Investoren ins Land strömen und Dollar oder Euro gegen heimische Devisen tauschen, um vor Ort Gehälter zu zahlen und Fabriken zu bauen. Und wenn sie in Massen fliehen, dann taucht die Landeswährung eben ab. Außerdem schwächelt eine Währung immer dann, wenn die geschätzte Regierung die nicht wirklich unabhängige Notenbank anweist, Geld zu drucken, um Pensionen, Sold für Soldaten oder Beamtengehälter zu zahlen.
Die Russen können ein Lied davon singen – so mussten sie um die Jahrtausendwende nur 23 Rubel für einen Euro auf den Tresen der Wechselstuben legen, als Investoren wie Ikea, internationale Autokonzerne oder Supermarktketten wie Carrefour oder Metro Russland entdeckten. Dann häuften sich die Berichte über Korruption und bürokratische Hemmnisse, der Kampf gegen den islamistischen Terror in Tschetschenien kostete richtig Geld, der Ölpreis setzte wieder zurück. Kurz: Die Konjunktur schwächelte und der Rubel stürzte ab. Im Zenit 2016 waren es 89, aktuell sind es 72 Rubel pro Euro. Sie können sich die Freude der russischen Mittelschicht über den Kaufkraftverlust ihrer Ersparnisse vorstellen, weshalb Immobilien und Gold in der Russischen Föderation traditionell stark gefragt sind. Kaum anders läuft es in der Türkei, wo das militärische Eingreifen in Syrien den Staatshaushalt belastet und der Tourismus auch im Zuge des Flüchtlingsstromes gelitten hat.

Tasse mit Henkel

Charttechniker beobachten unterdessen gespannt, ob sich bei EURTYR und USDTYR nicht auf Jahressicht eine gigantische Tasse-mit-Henkel-Formation ausbildet, was bei einem Breakout den Sturz der Lira ins Bodenlose bedeuten würde. Der ober linke Rand der Tasse hätte sich demnach im August 2018 ausgebildet, der Boden in diesem Januar.

Also: Kein Land der Welt kann auf ewig die eigene Währung stützen, wenn die Realwirtschaft kränkelt. Aber: Zu einem Crash muss es nicht kommen, long oder short ist hier wie so oft eine Frage der Politik. Beispielsweise könnte die türkische Notenbank die Anleger überraschen und eben doch ohne Vorwarnung den Leitzins erhöhen. Oder unerwartet neue Devisenreserven mobilisieren. Denn Ankara muss eine Welle an Banken- und Firmenpleiten verhindern, da sich viele Marktakteure in Dollar verschuldet haben. Eine wirklich tiefgreifende Rezession kann die Regierung auf keinen Fall zulassen.
Wir sind gespannt, wie die Sache weitergeht, die Bernstein Bank wünscht Ihnen erfolgreiche Trades. Aber bitte nur bei Deutschlands besten CFD-Brokern mit Bafin-Lizenz!

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