Lehman-Saison in London

05.10.2022  – Britische Kapriolen: Auf Druck der heimischen Pensionsfonds hat die neue britische Premierministerin Liz Truss ihre gerade verkündeten Steuerpläne wieder gekappt. Wie es aussieht, stand das britische Finanzsystem vorige Woche kurz vor dem Kollaps.

Sterling bietet für Trader mit dem richtigen Riecher aktuell einen gedeckten Tisch – hier der Vier-Stunden-Chart. Gerade hat Downing Street 10 unter dem Druck der eigenen Partei die Abschaffung des Spitzensteuersatzes wieder zurückgenommen. Das Problem für den Markt an dem von Truss vorgelegten Mini Budget war dies: Aus den Regierungsvorschlägen war nicht ersichtlich, wie die Pläne zur Steuersenkung und die wegfallenden Staatseinnahmen in Höhe von 45 Milliarden Pfund genau gegenfinanziert werden sollten. Soll heißen: Neue Schulden.

 

 

Quelle: Bernstein Bank GmbH

 

Jetzt tritt die Premierministerin die Flucht nach vorne an. So soll laut BBC die Präsentation des Haushaltsplans von Ende November auf Oktober vorgezogen werden. Damit soll der Kursverfall britischer Gilts umgekehrt und das Pfund stabilisiert werden. Der Markt braucht jetzt dringend neues Vertrauen.

London kurz vor der Finanz-Kernschmelze

Laut „Wirtschaftswoche“ stand die Londoner City vorige Woche vor einem Lehman-Moment: Pensionsfonds als eine tragende Säule der Altersvorsorge versprechen Anlegern oft eine fixe jährliche Ausschüttung. Und um diese leisten zu können, investieren die Fonds in der Regel einen guten Teil ihres Vermögens in heimische festverzinsliche Wertpapiere. Zusätzlich sichern sie sich mit Swaps ab. Im Fachjargon heißt das Liability-Driven Investing (LDI).

Margin Calls bei Pensionsfonds

Das Problem: Viele Pensionsfonds hebeln ihre LDI zusätzlich mit Fremdkapital. Und diese Hebel wurden großen Fonds fast zum Verhängnis: Wenn die Kurse von Staatsanleihen zu rasch und zu tief fallen, müssen die Fonds Sicherheiten nachschießen, weil gehebelte Positionen dann im Minus sind. Genau das passierte nach Ankündigung der Steuersenkungspläne im Mini Budget: Die Rendite zehnjähriger Gilts schoss von rund 3,5 auf rund 4,5 Prozent nach oben. Ergo sahen sich laut britischen Medien mindestens drei Pensionsfonds plötzlich Margin Calls von jeweils rund 100 Millionen Pfund gegenüber. Doch niemand wollte abgestoßene Anleihen aufkaufen, mit denen Geld für die LDI besorgt werden sollte.

Massive Intervention

Finanzminister Kwasi Kwarteng gab daher laut Bloomberg grünes Licht für eine größere Intervention, als bisher bekannt. Die Bank of England wollte nur 65 Milliarden Pfund einsetzen, letztlich schoss sie 100 Milliarden Pfund in den Markt.

Das Fazit für Trader und Investoren: Die Events in London sind möglicherweise ein Fanal für den Rest der Welt. De facto ist die Bank of England mit dem Anleihekauf in das Quantitative Easing zurückgekehrt. Weitere Zentralbanken könnten folgen. Denn niemand will den Systemkollaps riskieren. Steuersenkungen und das Ende bei Anleihekäufen dürften nach Meinung des Marktes erst dann gehen, wenn die Inflation gezähmt und die Gefahr einer Rezession gebannt sind. Das dürfte in Großbritannien noch lange nicht der Fall sein. Nur am Rande stellt sich die Frage, wie lange Truss sich halten kann – sie ist doch keine Eiserne Lady, obwohl sie einen neuen Thatcherismus beschwor. Nun droht Britannien die Rückkehr zu einer sozialistischen Schuldenpolitik. Wir behalten die Lage bei Sterling im Blick und wünschen viel Erfolg!

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