Verhängnisvolle Bitcoin-Defekte

Crisis trading

19.01.2021 –Special Report. Fürsten, Kaiser und Könige hielten sich gerne Hofnarren. Zum einen, um unterhalten zu werden; zum anderen, um wenigstens einen Menschen zu haben, der ihnen die Wahrheit sagt. So ist es aktuell die Aufgabe des Finanzblogs „Motley Fool“, den Bitcoin-Bullen reinen Wein einzuschenken. Long-Investoren müssen nun ganz stark sein, denn der buntgescheckte Narr hat in der Tat einen potenziell tödlichen Fabrikationsfehler der E-Devise identifiziert. Und wir haben weitere entdeckt.

Geldwelle versenkt den Dollar

Die Druckerpresse rotiert, ein Corona-Stimulus jagt den nächsten: Massen an Geld fluten den Finanzmarkt. Kein Wunder, dass die Anleger eine Entkernung von Dollar, Euro und co. fürchten – und in Cyber-Devisen fliehen. Die Cryptos sind vor allem bei jungen Anlegern beliebt, die keine Berührungsängste mit digitalen Tools haben. Ergo hat die Performance von Bitcoin und co. die von Gold als traditionellem Inflationsschutz weit hinter sich gelassen. Kein Wunder, dass BTC vorige Woche wieder auf 40.000 Dollar davonzischte, als der kommende US-Präsident Joe Biden seine Pläne für Billionen-Stimuli vorstellte.

Inflationsschutz und Einsatz als Geld

Dennoch rechnete Sean Williams von „The Motley Fool“ gerade in einem lesenswerten Artikel mit dem Titel „Bitcoin’s Fatal Flaw Is What Makes It Uninvestable“ mit BTC ab. Zunächst nannte er Bitcoin mit Blick auf die Aufholjagd seit März von 4.100 Dollar pro Token „virtually unstoppable“. Der US-Dollar dagegen sei durch den starken Anstieg im Geld-Angebot pulverisiert worden: „With the Federal Reserve’s ongoing quantitative easing measures and the federal government’s fiscal stimulus, the money supply should continue growing.“ BTC dagegen sei limitiert, derzeit gebe es rund 18,6 Millionen Bitcoin-Token im Umlauf, das Mining der restlichen 2,4 Millionen Stück werde fast 120 Jahre dauern. Zudem akzeptierten laut Daten von Fundera über 15.000 Geschäfte weltweit Bitcoin als Zahlungsmittel. Fundera ist ein Berater für kleine Firmen in Sachen Finanzierung und Technologie

Zu klein und nicht selten

Doch der tödliche Makel sei dies: BTC eigne sich nicht als Währung und sei daher nicht investierbar. Die Cyber-Devise sei zum einen keineswegs richtig selten. Die Knappheit von Bitcoin sei nicht garantiert – so könnte ein Konsens in der Community zu einer Erhöhung des Token-Limits führen. Die Chance dafür sei zwar gering, aber definitiv höher als 0 Prozent. Eine willkürliche Ausweitung der Menge von Gold sei dagegen unmöglich, weil die Menge des Metalls im Erdboden eben beschränkt sei.
Und weiter: Laut Fundera akzeptieren nur mehr als 2.300 Firmen in den USA Bitcoin als Zahlungsmittel. Das Problem: Es gebe 7,7 Millionen Geschäfte mit mindestens einem Angestellten und mehr als 32 Millionen, wenn man die Solo-Unternehmer mitzähle. Zudem sei die Konzentration von BTC in den Händen weniger Investoren besorgniserregend. Im November 2020 kontrollierten laut Daten von Flipside Crypto, das ist ein IT-Service-Unternehmen für die Blockchain-Welt, rund 2 Prozent aller Konteninhaber 95 Prozent aller Bitcoin. Damit seien nur Bitcoin im Wert von 40 Milliarden Dollar im Umlauf – was nicht reiche, um ein echtes Zahlungsmittel zu etablieren. Das vernichtende Urteil von Williams: „Bitcoin enthusiasts can hope that the perception of scarcity continues, but will have to come to terms with the fact that it’ll never be widely adopted or utilized.“

Von Zockern und Kartellen

Damit stelle sich die Frage, was denn dann den Preis für BTC bewege, wenn offenbar große Investment–Wale den Großteil von BTC halten. Der Motley-Fool-Autor vermutet, dass „program traders and small-time speculators are behind most of the day-to-day bitcoin movement. The problem with such thin trading is that it can cascade to the downside just as quickly as we’ve seen bitcoin surge to the upside.“ Womit wir schon die Erklärung hätten für die enorme Volatilität der Cryptos. Für Williams ist BTC das gefährlichste Investment des Jahres 2021 – eher früher als später werde es einen großen Crash geben.
Wir halten kurz mit einem bullishen Faktor dagegen: Wenn nur zwei Prozent der Bitcoin-Anleger 95 Prozent aller BTC halten, dann ist es ein Leichtes, ein Kartell aufzubauen. Die Herrschaften dürften sich kennen und ein kurzer Anruf unter Freunden kann schnell den Markt stabilisieren. Nun das gleiche Argument aus Sicht der Bären: Problematisch wird es, wenn einer der Oligarchen trotzdem verkauft, weil er Dollars braucht. Oder aber, wenn sich alle Wale auf massive Verkäufe einigen, weil sie zuvor short gegangen sind. Was bei echten Währungen eben nicht funktioniert, weil sie zu groß sind.

Drohende Regulierung

Wir sind aber noch nicht am Ende der Qual für BTC-Bullen. Eine wesentliche Gefahr ist das Verbot der Cyber-Währungen durch die Politik oder die Aufsichtsbehörden. China prescht voran in Sachen E-Yuan, Peking dürfte keinen unkontrollierbaren Konkurrenten dulden. Auch in den USA wird der Ton rauer – das musste gerade Ripple miterleben. Zuletzt gab es an dieser Front laut CoinTelegraph ein wenig Entspannung, da die Abteilung Geldwäsche im United States Treasury Department offenbar doch weit weniger Transaktionen untersuchen will, als zunächst vermutet. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben – und zwar weltweit. So nannte Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank, vorige Woche auf einer Konferenz von Reuters Bitcoin „verwerflich“; BTC sei keine Währung, sondern ein hoch spekulatives Asset. Sie forderte eine globale Regulierung.

Hacker und Password-Demenz

Bleibt zu guter Letzt noch ein skurriler Anti-BTC-Faktor: Die eigene Schusseligkeit. So berichtete die „New York Times“ über einen Programmierer in San Francisco, der das Password für sein Wallet vergessen hat. Auf der Festplatte liegen 7.002 Bitcoin, aktuell wären das rund 280 Millionen Dollar. Die Festplatte ist verschlüsselt mit einem Programm, das sich nach zehn falschen Passworteingaben selbst zerstört. Zuletzt war er bei acht Versuchen angelangt.
Das Thema streift gleich noch eine andere Gefahr: Das Thema Cyber Security. Die digitale Kriminalität boomt und große Wallets und die Handelshäuser dürften auf Hacker die gleiche Faszination ausüben, wie ein blutiges Steak auf Haie. Atlas VPN, das ist ein Anbieter von Proxy-Servern, berichtete von 122 Hacker-Diebstählen im vergangenen Jahr.
Das Fazit aus alledem: Wer in Cryptos investiert, hat durchaus gute Gründe für einen Long-Trade. Allerdings sollten Sie die News verfolgen und schnell reagieren. Die Bernstein-Bank wünscht erfolgreiche Trades und Investments!


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